Am Ende des Gartens stand an diesem Abend ein Zug. Er war aus Wolken gebaut. Die Räder waren kleine, weiche Wolken, die Wagen waren große, weiche Wolken, und aus dem Schornstein stieg ein leiser weißer Dampf. Es roch nach Regen auf warmen Steinen. Ole blieb am Zaun stehen und staunte. Neben ihm stand Knopf und staunte auch.
Auf dem Bahnsteig wartete ein Dachs mit einer blauen Mütze. Er hieß Herr Quirl und war der Schaffner. „Guten Abend“, sagte er ruhig. „Dieser Zug fährt langsam und kommt immer rechtzeitig an. Steigt ein, es ist Platz für alle.“ Das Trittbrett war so weich wie ein Kissen. Ole stieg ein, und Knopf stieg hinterher.
Im Wagen standen Sessel aus Daunen. Am Fenster hing ein kleines Licht, das gelb leuchtete wie eine Kerze. Herr Quirl pfiff einmal leise, und der Zug setzte sich in Bewegung. Tuff, tuff, tuff, machte er, ganz weich, als würde jemand sanft auf ein Kissen klopfen. Draußen glitt der Garten davon. Die Lichter der Stadt wurden klein und golden.
Der erste Halt hieß Glockenberg. Hier standen hundert kleine Glocken im Gras, und sie klangen nur, wenn jemand sie streichelte. Ole streichelte eine Glocke, und sie machte ein leises Bimmm. Knopf streichelte eine andere, und sie machte ein leises Bommm. Bimmm, bommm, bimmm, bommm. Bald sang der ganze Hang, und der Klang war so sanft, dass sich die Gräser im Takt wiegten.
„Nehmt eine Glocke mit“, sagte Herr Quirl. „Sie klingt nur für den, der ruhig ist.“ Ole nahm eine winzige silberne Glocke und steckte sie in die Jackentasche. Sie war noch warm von der Sonne, die den ganzen Tag auf dem Berg gelegen hatte. Dann stiegen die beiden wieder in den Zug. Tuff, tuff, tuff.
Der zweite Halt hieß Seewiese. Dort lag ein runder, stiller See, und auf dem Wasser schwammen Sterne wie Seerosen. Sie glitzerten, und jeder glitzerte ein klein wenig anders. Am Ufer saß eine Schildkröte mit einem Strohhut. Sie hieß Frau Tamm und fütterte die Sterne mit Krümeln von Mondbrot. Mit jedem Krümel leuchtete ein Stern etwas heller.
„Wollt ihr ein Stück mit dem Boot fahren?“, fragte Frau Tamm. Sie zeigte auf ein Boot, das aus einem einzigen großen Blatt gefaltet war. Ole setzte sich hinein, und Knopf setzte sich dazu. Das Wasser war warm wie Badewasser. Plitsch, machte das Ruder. Plitsch, plitsch. Die Sterne schaukelten leise zur Seite und machten Platz.
In der Mitte des Sees hörte das Boot ganz von selbst auf zu fahren. Es war so still, dass man das Licht hören konnte. Es klang wie ein sehr feines Summen. Ole hielt die Hand ins Wasser, und ein kleiner Stern blieb darin liegen. Er war so warm wie ein Kieselstein, der lange in der Sonne gelegen hat. „Der gehört dir“, sagte Frau Tamm vom Ufer her.
Wieder im Zug, gähnte Knopf zum ersten Mal. Es war ein großes, langsames Gähnen, und Ole musste sofort mitgähnen. Herr Quirl lächelte unter seiner Mütze. „Ein Halt noch“, sagte er. „Der schönste.“ Tuff, tuff, tuff, machte der Zug, und die Wolkenräder drehten sich noch ein bisschen langsamer als zuvor.
Der Zug fuhr nun durch eine Gegend, die aus lauter Blau bestand. Die Fenster beschlugen ein wenig, und Ole malte mit dem Finger einen kleinen Kreis hinein. Dahinter zogen Wolkenschafe vorbei, sehr langsam, eins hinter dem anderen. Sie hatten keine Eile. Sie zählten sich selbst im Vorbeigehen, eins, zwei, drei, und verloren bei zwölf immer freundlich den Faden. Dann begannen sie ruhig wieder von vorn.
Der dritte Halt hieß Deckental. Die Hügel dort sahen aus wie gefaltete Decken in allen Farben, gelb, grün, rosa und blau. Zwischen ihnen standen kleine Häuser mit runden Fenstern, und hinter jedem Fenster brannte ein Licht. Der Wind roch nach Lavendel und nach frisch gewaschener Wäsche. Alles hier bewegte sich so langsam, als hätte es unendlich viel Zeit.
Vor dem größten Haus saß eine Gans mit einer runden Brille und strickte. Sie hieß Frau Flaum. „Ich stricke jeden Abend eine Decke“, sagte sie, „und jeden Abend wird sie genau so groß, wie sie gebraucht wird.“ Sie hielt eine Decke hoch, die sich wie eine warme Hand anfühlte. Dann legte sie die Decke über den ganzen Zug, und der Zug seufzte zufrieden.
Auf der Rückfahrt sprach niemand mehr viel. In der Jackentasche klang die kleine Glocke bei jedem Schaukeln, ganz leise. Bim, bim. In der Hand von Ole leuchtete der Stern. Draußen zogen die Hügel vorbei, und die Lichter in den Fenstern gingen eines nach dem anderen aus. Tuff, tuff, tuff. Knopf lehnte sich an Ole und schloss die Augen halb.
Herr Quirl ging durch den Wagen und knipste die Lampen aus, eine nach der anderen. Klick, machte die erste. Klick, machte die zweite. Nur das kleine Licht am Fenster ließ er brennen. Dann setzte er sich auf seinen Klappsitz an der Tür und faltete die Hände. Auch ein Schaffner darf müde sein, sagte er leise, wenn alle Fahrgäste gut angekommen sind.
Als der Zug am Gartenzaun hielt, war der Garten blau von der Nacht. Herr Quirl tippte an seine Mütze. „Der Zug fährt jeden Abend“, sagte er. „Er wartet immer am selben Zaun.“ Ole nickte, und Knopf nickte auch, obwohl er schon fast schlief. Dann gingen die beiden über das kühle Gras, und die Haustür öffnete sich ohne jedes Geräusch.
Im Zimmer lag das Bett bereit, und die Decke war aufgeschlagen. Die kleine Glocke kam auf den Nachttisch, der Stern daneben. Beide glänzten still. Ole kroch unter die Decke, und sie war warm, weich und ein wenig schwer, genau so, wie Frau Flaum sie gestrickt hätte. Knopf machte es sich gleich neben ihm bequem.
Draußen rollte der Wolkenzug langsam in seinen Schuppen. Herr Quirl gähnte, nahm die blaue Mütze ab und legte sie auf einen Haken. Frau Tamm im Boot schloss die Augen, und die Sterne auf dem See dämmerten sanft vor sich hin. Frau Flaum legte die Stricknadeln beiseite. Im Deckental ging das letzte Licht aus.
Knopf atmete ruhig und gleichmäßig. Ole hörte zu, wie das Atmen immer langsamer wurde. Ein, aus. Ein, aus. Die Glocke auf dem Nachttisch klang noch einmal ganz fein, Bim, und dann nie wieder in dieser Nacht. Ole sah den Stern an, der schwach glühte. Die Augen wurden schwer. Tuff, tuff, tuff, machte es irgendwo, weit weg und weich. Und dann schlief Ole ein.
Gute Nacht.