Lio und die Mondmuschel
Hinter dem Garten von Lio lag ein kleiner Strand, den nur der Abend kannte. Der Sand war noch warm von der Sonne. Lio ging barfuß darüber, und Knopf ging daneben. Bei jedem Schritt knirschte es leise. Weit draußen atmete das Meer ein und aus.
Am Wasser lag eine große, glatte Muschel. Sie schimmerte hell wie ein Stück vom Mond. Lio hob sie auf. Sie war schwer und kühl und passte genau in beide Hände. Innen war sie rosa wie der Himmel kurz vor dem Schlafengehen. Knopf setzte sich dicht neben ihm und schaute neugierig zu. Das Wasser leckte an den Zehen und zog sich wieder zurück. Es kitzelte ein bisschen, und beide mussten lächeln.
Auf einem flachen Stein saß eine alte Schildkröte mit einem Mützchen aus Seetang. Sie hieß Frau Moosbach und sammelte seit vielen Jahren die Geräusche des Abends. „Die Mondmuschel behält alles, was leise ist“, sagte sie. „Halt sie ans Ohr.“
Lio hielt die Muschel ans Ohr. Zuerst hörte er nur ein sanftes Rauschen. Dann hörte er einen Tropfen, der in den Sand sank. Dann den Wind, der durchs Gras strich und die Halme sanft aneinanderrieb. Ganz weit weg knarrte ein Schaukelstuhl, langsam, hin und her, hin und her.
Lio reichte die Muschel an Knopf weiter. Der Igel lauschte lange. Die Augen von dem Igel wurden klein, und dann musste er gähnen. Frau Moosbach nickte zufrieden. „Jetzt trägt sie auch dieses Gähnen in sich“, sagte sie. „Wenn ihr nachts wach liegt, hört ihr es wieder.“
Der Heimweg war kurz. Die Fenster im Dorf leuchteten schon gelb, eins nach dem anderen. Die Decke von Lio lag schon aufgeschlagen im Bett, und sie war warm. Lio legte die Muschel neben das Kissen. Knopf machte es sich am Fußende gemütlich.
Draußen rauschte es leise. Ein und aus, ein und aus. Lio lauschte der Muschel, und die Augenlider wurden schwer und schwerer. Das Licht ging aus. Im Dunkeln atmeten alle zusammen, ganz ruhig, bis nur noch der Mond zuhörte.
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